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KRAWUMM!!! #51

28 1Das Erregende - Der doppelt erwachende Drache

"KRAWUMM!!!


Als ich das I Ging nach der Bedeutung der Corona-Pandemie für die Kampfkunst-Vereine und -Schulen fragte, erhielt ich Hexagramm 51, DAS ERREGENDE oder auch DIE ERSCHÜTTERUNG - wie treffend, denn da geht es um die potenzierte Donner-Energie - ein Gewitter, ein Erdbeben, einen tiefen Schock.

In Krisenstimmung waren im März Schulleiter wie Aktive: In all den Jahren, seitdem sie ihren geliebten Sport betreiben, hatten sie es nie erlebt, ja kaum für möglich gehalten, dass so überraschend und derart massiv in ihr Berufsleben, ihre Freizeitgestaltung, ihre Lebensstruktur eingegriffen wird. Ungläubig, fassungslos standen sie davor, dass von einem Moment auf den anderen das Selbstverständlichste keine Gültigkeit mehr hat: Die Nähe der Trainingspartner, Körperkontakt, Schwitzen, Duschen - ja selbst das gemeinsame Atmen, Lachen, Sprechen wird verdächtig, gefährlich, muss unterbunden werden... Wie soll man da noch miteinander trainieren? – Nun, „miteinander“ erstmal gar nicht, diese Frage beantwortet sich rasch, denn die Schulen werden geschlossen, der Kontakt zu allen, die nicht die Allernächsten sind, bei saftigen Strafen verboten. Statt wie gewohnt abends zum Training zu gehen, sitzt man ratlos und Däumchen drehend zuhause…

Fortgesetzter Donner:
Das Bild des ERSCHÜTTERNS.
So macht der Edle unter Furcht und Zittern
sein Leben recht und erforscht sich selbst.

Wer auf einen Schlag so viel unstrukturierte Zeit hat, kommt fast zwangsläufig zum Nachdenken. Sonst lebt man halt so vor sich hin, meist unter Zeitdruck, doch jetzt ist eher ZU VIEL Zeit da! Und wenn die Zeit lang wird, werden Gedanken laut, die zuvor vom Alltagslärm übertönt wurden, Gedanken, die uns unliebsame, gerne weggeschobene Wahrheiten vorhalten, Gedanken, die nach dem Abenteuer, dem Wagnis der Veränderung rufen…

So sehr wir aber unsere Kampfkunst-Helden lieben, von Bruce Lee bis Kung Fu Panda, so sehr wir es bewundern, wie mutig und tapfer sie die Herausforderungen des Schicksals meistern – wir SELBER wollen lieber keine Helden sein. Im Fall des Falles entscheiden wir uns doch lieber für die Sicherheit unserer Routinen und machen, so es nur möglich ist, weiter wie bisher. Nur wenige von uns lieben das Risiko. Und NIEMAND wird gerne schockiert, wir hassen diese Momente regelrecht, reißen sie uns doch aus der ebenso tröstlichen wie anmaßenden Illusion, wir hätten die Dinge in der Hand! Doch wenn uns die Kontrolle entgleitet, dann, dann, dann … weiß keiner mehr, was kommt…

Das ERSCHÜTTERN bringt Gelingen.
Das ERSCHÜTTERN kommt: Huhu!
Lachende Worte: Haha!
Das ERSCHÜTTERN erschreckt hundert Meilen,
und er lässt nicht Opferlöffel und Kelch fallen.

Das I Ging kann uns über diesen bodenlosen Augenblick hinweghelfen, lässt es uns doch ein kleines Stückweit in die Zukunft schauen, indem es uns den tieferen Sinn des Geschehens erklärt. Und sieh an, entgegen unseren Befürchtungen, entgegen unserem Katastrophendenken, verheißt Hexagramm 51 GELINGEN!

Das ist nun wirklich schwer zu glauben in einem Moment, wo die Nerven zum Zerreißen gespannt sind. Und doch kündigt uns das I Ging an, dass nach dem schrecklichen Anfangs-Huhu ein erleichtertes Ausklangs-Haha kommen wird - das übrigens auch ein staunendes Aha! beinhaltet. Der Donner ist fern von sinnloser Zerstörungswut! Was er zerschlägt, ist nur das ohnehin Baufällige, Brüchige, das Starrgewordene, Eingerostete, Veraltete. Der Donner ist vor allem eine befruchtende Erneuerungs- und Transformationskraft, die stürmisch aufmischt, durcheinanderwirbelt und hinwegfegt, was kreativen Veränderungen im Weg steht.

Nun, inzwischen ist ja schon ein wenig Zeit ins Land gegangen, und wir können schon ein klein wenig beurteilen, inwieweit dieses Omen zutrifft. Nach der anfänglichen Schockstarre und Benommenheit hat sich ein reges Nachdenken und Umdenken eingestellt. Das Leben geht weiter! Es kam zu einem fantasievollen Experimentieren und Improvisieren jenseits der gewohnten Formen, und tatsächlich zeichnet sich mittlerweile schon an vielen Stellen ab, dass hernach, „nach Corona“, kaum jemand wirklich exakt zu den alten Routinen zurückkehren will. Der Donner befreit die kreative, lustvolle Anpassungsfähigkeit der Menschen! Zugegebenermaßen wirkt er nicht bei allen so inspirierend. Wer sich als zu rigide erweist, um wieder wie ein Kind herumzuspielen und etwas Neues auszuprobieren, wer partout seine alten Gewissheiten zurück will, der hat jetzt ein ernstes Problem. Damit darf nicht kleingeredet werden, dass so mancher durch den Lockdown und die daran anschließenden Maßnahmen in gravierende Existenzängste gestürzt wurde. Die Dramatik des Gewitters fällt für den Einzelnen sehr unterschiedlich aus. Wo der eine gerade mal seine Freizeit-Aktivitäten neu organisieren muss, da bricht für den anderen eine ganze Welt zusammen, da ist man plötzlich arbeitslos, einkommenslos, hilflos, ratlos…

Plötzlich ist man sehr vieles „los“. Es entsteht ein Vakuum, ein beängstigender Moment der Leere, der Gewissheiten ausradiert, ein krasser Cut, von wo an es anders weitergeht. Die Wucht des Donners holt uns kompromisslos ins Hier und Jetzt, denn das ist alles, woran wir uns in solchen Zeiten noch halten können.

Das I Ging ist sich der Tragweite des Donner-Schlags bewusst. Die ausgelösten Ängste sind nur zu verständlich – und doch, wenn wir ihm glauben dürfen, unnötig. Nur hängt jetzt vieles davon ab, dass wir eben NICHT in Panik verfallen und dann Opferlöffel und Kelch fallen lassen! Mit diesem sakralen Bild verweist uns das I Ging auf das Wesentliche, auf die Heiligkeit unseres Innersten, das von dem ganzen Chaos gar nicht tangiert wird. Es sagt uns damit: Bleib bei dir und in deiner Mitte, lass dich nicht aus dem Gleichgewicht bringen, was immer geschieht! Nichts ist jetzt wichtiger als das! Auch wenn ringsum der Sturm tobt, sollen wir im Auge des Sturms bleiben: nicht gelähmt erstarren, uns aber auch nicht panisch herumschleudern lassen. Wenn der Donnergott spricht, gilt es, mit ebenso viel Demut wie Mut darauf zu vertrauen, dass wir das Zeug haben, diese Situation zu bewältigen – und dass sogar noch etwas Gutes dabei herauskommen kann – so wenig wir uns das gerade vorstellen können...