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Was zuviel ist, ist zuviel!

28 1DAS ÜBERGEWICHT IM GROßEN

Unser Sport hat eindeutig viele wunderschöne Seiten, aber er hat auch seine Untiefen. Und wohl niemand, der ihn langfristig praktiziert, wird nicht schon darauf gestoßen sein, dass es manchmal ziemlich schwer ist, das rechte Maß zu finden und den Dingen das richtige Gewicht beizumessen. Gerade, wenn sich ein ungesunder Ehrgeiz einmischt, besteht die Gefahr, dass wir zu viel des Guten tun. Und da wir oft nicht reagieren, wenn uns das Leben mit dem Zaunpfahl winkt, muss es uns dann wohl unsanft ausbremsen.

Zu diesem Thema äußert sich natürlich auch das I Ging, ist es doch sein Anspruch, sämtliche Bereiche des Lebens abzudecken. Das zuständige Hexagramm ist die Nummer 28, mit dem Titel:

DAS ÜBERGEWICHT IM GROßEN

Hexagramm 28 hat als Symbol einen überlasteten Firstbalken (das ist jener zentrale Balken, an dem die gesamte Dachkonstruktion hängt). Hier ist der Balken in der freischwebenden Mitte überaus dick und schwer, während er zu den aufliegenden Enden hin dünn und morsch wird. Dieses fatale Ungleichgewicht sorgt dafür, dass sich der Balken in der Mitte gefährlich durchbiegt. Die Botschaft ist klar: Wenn sich hier nichts ändert, wird er schließlich brechen und das ganze Haus mit sich niederreißen.

Dieses Bild lässt sich unschwer auf die tragenden Strukturen in unserem Leben anwenden. Zu diesen Basics zählt allen voran unser Körper, von dem schließlich alles andere abhängt. Im Training lässt uns unser Körper eine große Funktionslust erleben, es macht einfach Freude, ihn stark und leistungsfähig, geschmeidig, geschickt und elegant zu erleben. Es ist immer wieder erstaunlich, was wir aus ihm so herausholen können. Und im Allgemeinen macht er gutmütig eine ganze Menge mit. Aber - und das möchte unser Kopf nicht unbedingt wahrhaben - unsere Physis setzt uns auch Grenzen. Wir können eben leider NICHT wie Superman oder sogar der moppelige Kung-Fu Panda die Schwerkraft überwinden und mit links Wände durchbrechen, wir sind nicht unverletzlich, nicht bedürfnislos, nicht unsterblich. Nein, wir haben Knie und Schultern und Hüften, Wirbelsäulen und Gelenke, und noch viel mehr, was uns verdammt viel Ärger machen kann…  Während die älteren Semester im Training mehr oder weniger schmerzhaft gelernt haben, auf ihren Körper Rücksicht zu nehmen und mit ihm zusammenzuarbeiten (sonst wären sie nicht mehr unter uns), ist es für die jüngeren oft eine schockierende Erfahrung, dass auch ihr Körper nicht uferlos belastbar ist, dass er nicht einfach beliebig mitspielt, dass Muskeln sich zerren, Gelenke blockieren, Knochen brechen...  Ein böses Erwachen aus dem schönen Traum, alles erreichen zu können, wenn man nur Talent hat und bereit ist, hart zu trainieren.

In meiner mittlerweile siebenundzwanzigjährigen Taekwondo-Karriere habe ich dieses demütige Erwachen schon bei so manchem beobachten können. Und ich habe es auch am eigenen Leib erfahren: Wie die meisten anderen hatte auch ich hin und wieder kleine Wehwehchen, die ich aber nicht ernst zu nehmen versuchte, sondern einfach als normalen Tribut der Freude betrachtete. Die wesentliche Erkenntnis kam erst im Alter von 34 Jahren. Zu dieser Zeit waren die Strukturen meines Lebens zum Zerreißen gespannt, meine Ehe befand sich in Auflösung, ich bangte um mein existenzielles Auskommen, kam zwischen Umzug, Arbeit, Training, neuem Studium, Schuldgefühlen und amourösen Verwicklungen nicht mehr zum Schlafen, und als ich dann quasi zwischendurch noch meine Grüngurtprüfung absolvieren wollte, gab es beim Bruchtest einen lauten Knall! – Nein, nicht das Brett, das hatte ich nicht richtig getroffen. Der durchdringende Peitschenton kam von meiner Achillessehne, die resolut den Dienst quittierte. Und als ich dann da auf dem Parkett lag, unfähig, mich würdevoll wieder zu erheben, war tatsächlich mein erster Gedanke: „Endlich! Endlich ist Schluss!“ Und im Hintergrund raunte sogar etwas wie: „Gott sei Dank“. Denn nicht nur, dass meine Sehnen schon seit einem Dreivierteljahr ächzten und stöhnten, der ganze frenetische Rhythmus, in den mein Leben eingeschwenkt war, schrie nach Erlösung. Mit diesem Moment, als ich hilflos am Boden lag, war der Bann gebrochen, nun würde ich aus dem Hamsterrad aussteigen und endlich wieder Luft schnappen können.

Es mag nicht jeder gleich so dankbar sein, wenn ihm der Körper die rote Karte zeigt. Und doch weist die Frage, wo in so einem Fall der wahre Fehler liegt, weit über meine Person hinaus. Ist es in so einem Fall der Körper, der versagt, oder ist es der Umgang mit dem Körper, der korrekturbedürftig ist? Schließlich ist so ein Firstbalken (wie auch eine Achillessehne!) eigentlich eine sehr robuste und belastbare Struktur. Da muss schon einiges geschehen, dass er derart marode wird, derlei hat eine Vorgeschichte! Sollten wir den Zusammenbruch des Balkens, den Unfall oder Funktionsausfall, nicht besser als Warnschuss verstehen, der uns aufmerksam macht auf ein verantwortungsloses Missmanagement?

Nun ist es leider nicht so, dass einem mit dem schwarzen Gürtel die Erleuchtung zufliegt. Selbst höhere Dan-Träger besitzen keineswegs verlässlich die Weisheit, mit ihrem Körper partnerschaftlich zusammenzuarbeiten, statt ihn wie ein willfähriges Ding zu benutzen. Und so gehen sie etwa nach einem Langstreckenflug übernächtigt und derangiert in eine Prüfung und … brechen sich den Arm. Oder sie wollen gleich zwei dicke Ytong-Platten auf einmal mit der Fingerspitze durchschlagen, und… brechen sich die Hand. Oder sie wollen die stählerne Unbeugsamkeit ihres Willens beweisen und … schlagen ihre Hand zu einem blutigen Klumpen, oder, oder, oder…

Dabei ist ja weder Taekwondo noch eine andere der traditionellen Kampfkünste wie auch das Hapkido besonders verletzungsträchtig. Nein, das Risiko liegt nicht in dem, WAS wir da tun, es liegt in dem, WIE wir es tun!

Warum also gehen wir oft so rücksichtslos mit uns um?
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Der Strichcode des Hexagramms bringt uns auf die Spur einer Erklärung: Während in der Mitte vier schwergewichtige, von ihrer Sache überzeugte Yang-Linien residieren, die totalen Einsatz fordern, befindet sich an den äußeren Enden jeweils nur eine schwache, labile Yin-Linie, welche die geforderte Hochleistung erbringen soll. Mehr steht als „Außenvertretung“ nicht zur Verfügung. Übertragen auf unsere Körper-Geist-Einheit, heißt das, dass die Energiereserven erschöpft sind (Yin auf der untersten Linie), man ist eigentlich lustlos, ausgepowert, erholungsbedürftig. Nur ist zugleich das Oberstübchen (Yin auf der obersten Linie) so vollgestopft mit Glaubenssätzen und großen Ambitionen, dass man einen solchen Schwächeanflug keinesfalls akzeptieren will. Und dann beginnt das innere Ringen: „Stell dich nicht so an! Du kannst jetzt nicht einfach schlappmachen. Da musst du durch. Geht nicht gibt’s nicht…“

Manchmal ist es der eigene Ehrgeiz, der uns gegen jedes gute Gespür vorwärtstreibt, manchmal aber auch das Gefühl, dass wir uns keine Schwäche leisten können. „Taekwondo kennt keinen Schmerz!“ hieß es in unserer Schule früher immer, und: „Taekwondo muss!“ – alles im gebrochenen Deutsch unserer bewunderten Vorbilder. Wer sich mal zu schonen beschloss, stand gleich als peinliches Weichei am Pranger. Um wieder einmal mit meinem Helden Kungfu Panda zu sprechen, waren wir damals wohl eher auf dem Trip des antreiberischen Jungmeisters Shifu, während uns die Gelassenheit von Altmeister Oogway noch ein Buch mit sieben Siegeln blieb. Wir waren am Machen und Tun und ahnten nichts von der Weisheit des Lassens, des taoistischen Nicht-Tuns. Wir hielten uns an die simplen Mottos von Lehrern, die uns kaum kannten, und begriffen noch nicht, dass unser Körper der beste Lehrer ist: Freund und Personal Coach in einem.

Nach meinem Achillessehnenriss hat es ziemlich lange gedauert, bis ich wieder ins Training zurückkehrte. Leider hatte ich es mit dem ersten Riss immer noch nicht begriffen und musste mir, kaum war der Gips ab, die Sehne ein zweites Mal reißen… Dann aber hatte ich wirklich viel Zeit, umzudenken, es wurden ganze drei Jahre. Und was habe ich daraus gelernt?

Nun, heute entsinne ich mich immer wieder einer anderen berühmten Bären-Weisheit, die uns meines Erachtens allemal weiter bringt als verbissener Ehrgeiz:


"Versuchs doch mal mit Gemütlichkeit!“

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unten: Han Xiangzi spielt auf der Jadeflöte im Sturm der Gefühle und bläst "Wind" durch das alte Holz
oben:  Ly Dongbin kommuniziert wie der spiegelnde "See" bei Windstille - "Sein magisches Schwert reflektiert einen entschlossenen Geist!"